Die Zukunft liegt im anders sein
Steffen Reese war 1995/96 Geschäftsführer der Erzeugergemeinschaft für ökologische Produkte Pellworm GbR. Er ist heute Geschäftsführer des weltweit agierenden Öko-Verbandes und –Zertifizierers NATURLAND.
Was verschlägt einen Binnenländer nach Pellworm?
Ich glaube es war eine Mischung aus Abenteuerlust und Naivität. Im Laufe des Studiums der Agrarwissenschaften kamen mir Zweifel am konventionellen System und dessen Nachhaltigkeit.
Eine kleine Insel, ein Praktikum auf einem Öko-Hof, der frisch gegründete Öko-Verein, - das alles zog mich magisch an. Naiv war vielleicht zu glauben, dass die Möglichkeit, die eine Insel bietet, in jeder Himmelsrichtung über das Meer blicken zu können, Kreativität, Visionen und Weitsicht automatisch für alle mit sich bringt.
Du hattest den Spitznamen "der Knecht". Wie wird man als Knecht Geschäftsführer einer Erzeugergemeinschaft?
Der "Knecht" war liebevoll gemeint. Mich hat wohl die Aufbruchstimmung auf den Öko-Höfen und im Öko-Verein in die Rolle des Geschäftsführers befördert. Entscheidend war meine Überzeugung, dass „da mehr drin ist“ sowie eine gewisse Euphorie und Zuversicht zu positiven Veränderungen beitragen zu können. Es bewegte sich unheimlich viel. Die Umstellung der Betriebe, die Vermarktung, die Ideen zur Inselentwicklung, das LEADER Programm der EU, die internationale Zusammenarbeit im Eco-Islands Netzwerk...die Erzeugergemeinschaft war einer der ersten Schritte zur Professionalisierung.
Hast Du die Bauern unter einen Hut gekriegt?
Menschen verbindet eine Vision. Ob das sechs Öko-Bauernfamilien auf Pellworm sind oder wie bei meiner heutigen Arbeit weit über 50 000 Bäuerinnen und Bauern, die weltweit nach Naturland Richtlinien arbeiten – und es ist eine Mission die zusammenführt. Unter Berücksichtigung der drei Säulen der Nachhaltigkeit – Ökologie, Soziales, Ökonomie – finden sich immer mehrheitsfähige Lösungen. Wenn ich mich richtig erinnere, dann wollten am Anfang alle eine möglichst große Vielfalt -der Produkte und der Absatzwege. Bei der Milchverarbeitung gab es in Öko-Qualität zwei Sorten Joghurt, zwei Sorten Quark, Buttermilch und Butter – während gleichzeitig die Pellwormer Inselmilch, - sprich die konventionelle Milch- , im Schlauchbeutel mit einem besonderen „Natur“-Touch in den Markt kam. Beide Ansätze harmonierten nicht miteinander.
Die Meierei stand aber auch aus anderen Gründen auf dem Schlauch…
Richtig, da waren technische Anfangsprobleme, die über das normale Maß an Schwierigkeiten hinaus gingen. Wochenlang funktionierte die Abfüllanlage nicht und die Milchbeutel schlossen nicht richtig. Das führte zu finanziellen Engpässen bei der Meierei, Diskussionen über die Milchpreise folgten mit den Landwirten. Der Existenzkampf der Meierei überlagerte unsere Bemühungen in Lohn eine ordentliche Öko-Qualität herstellen zu lassen.
Was hat sich in Deiner Zeit auf Pellworm bewegt?
Wir haben eine Menge in Bewegung gesetzt. Die vielen Veranstaltungen zu allen möglichen Themen im Öko-Verein, das aufwändige Öko-Wollprojekt mit der estnischen Insel Hiiumaa, die Vorbereitungen zur Expo 2000, sanfter Tourismus, zahlreiche Vermarktungsinitiativen. Das hat auch gewaltig nach außen gestrahlt. Die Kurverwaltung, die uns nicht immer zugetan war, inserierte in „Schrot & Korn“, um Öko-Touristen zu gewinnen. Bei Interviews war oft zuerst der Öko-Verein und Öko-Erzeugergemeinschaft gefragt, Matthias Schikotanz und ich konnten uns zeitweise vor Medien-Anfragen nicht retten…..
Was hat sich nicht bewegt?
Mit vielen unserer Projekte waren wir der Zeit damals voraus. Zum Beispiel mit dem Energiekonzept. Für ein vernünftiges Konzept, das Wind, Sonne, Biogas und vor allem Einsparungen kombiniert, hat sich damals außer ein paar Journalisten niemand interessiert. 20 Jahre später ist die Zeit reif, aber der Schwung ist raus, weil wir in der Pionierzeit zu viele Federn gelassen haben. Was damals revolutionär klang ist heute Standard. Der Weltagrarbericht sagt zu recht: Weiter wie bisher in der Landwirtschaft ist keine Option. Pellworm hat die Zeit nicht verschlafen, aber wir haben eine Menge Möglichkeiten, die sich eröffnet hatten, nicht nutzen können.
Wofür steht Pellworm denn heute?
Für mich strahlt Pellworm immer noch etwas Einzigartiges aus: das anders sein. Wenn nötig, stur am Alten festhalten, Gemeinschaft in Familien und Vereinen pflegen, sich abgrenzen gegen das Festland und die anderen Inseln. Aber auch: sich vorsichtig an neue Ideen herantasten und die Chancen wahrnehmen, die in den Besonderheiten liegen. Es ist viel mehr drin als das Schaf, das Pelle heißt, Pelle-Welle und so weiter. Die wirklichen Qualitäten gehen bei solchen Werbemustern unter. Die Insel hat mehr Luft als Meerluft.
Hast Du ein Bild von Pellworm in 20 Jahren?
Ja! Das Bild liegt in der Einzigartigkeit. Ich möchte das mal in kleinen Schritten am Beispiel Milch ausdrücken: Mit der Gläsernen Meierei entsteht jetzt etwas Sicherheit. Die Öko-Milchbauern müssen spüren, dass sich die Umstellung auf den Öko-Landbau trägt und auszahlt, davon haben wir Mitte der 90er Jahre geträumt. Als nächstes kann der zweite Schritt mit der Ausrichtung auf mehr Regionalität folgen – mit dem Ausgangsziel eines attraktiven, qualitativ hochwertigen und hochpreisigen Angebotes an Pellwormer Produkten. Es macht für niemanden auf Pellworm Sinn, sich an den Entwicklungen am Festland zu orientieren und sich auf den Verdrängungswettbewerb einzulassen. In 20 Jahren ist Pellworm deshalb attraktiv für Pellwormer und Gäste, weil es die Erneuerungen angenommen hat, die das Besondere nicht zerstören. Ich bin überzeugt: die Zukunft liegt im anders sein.