Walter Fohrbeck

Immer auf der falschen Seite des Wassers

 

Walter Fohrbeck kam vor zwanzig Jahren nach Pellworm. Er arbeitete zunächst als Museumsleiter bei der Gemeinde Pellworm und ist heute als Beauftragter bei der Gemeinde für vielfältige historische und kulturelle Projekte tätig. Bei der Darstellung Pellworms auf der Weltausstellung EXPO 2000, der Erstellung des Energiekonzepts und vielen anderen Projekten auch des Vereins hat Walter entscheidend mitgewirkt.

 

Wofür braucht Pellworm einen Historiker?
Ursprünglich sollte ich in der Kurverwaltung ein Museum aufbauen, die Fördergelder für die Gebäudesanierung waren an eine Mehrfachnutzung geknüpft. Keiner ging davon aus, dass ich mich fest auf der Insel etablieren würde!

Wieso nicht?
Ich hatte über einen Freund gehört, dass jemand zum Aufbau des Inselmuseums gesucht würde, mehr nicht. Als ich ankam, fand sich zunächst keine Unterkunft. Ich habe Wochenlang im Büro gewohnt. Ich bekam einen Schlüssel für die Dusche im Schwimmbad zum Duschen. Die Kollegen haben sich gefreut, weil ich morgens schon früh auf war und ihnen Kaffee gemacht habe.
 
Woran lag es dass Du so lange geblieben bist?
Weil mir meine Arbeit immer noch Spaß macht. Vielleicht auch, weil ich viele Jahre gegen alle möglichen Widerstände kämpfen musste. Irgendwie war ich immer auf der falschen Seite des Wassers. Meine Familie, die ich nach dem ersten Jahr nachgeholt hatte, blieb nicht auf Pellworm. Ich bin morgens um 6 nach Pellworm gependelt und kam abends spät zurück. Meine Ehe ging in die Brüche, ich kehrte zurück auf die Insel. Weil Pellworm mich faszinierte, habe ich meine eigene Stelle immer wieder neu mit Inhalt gefüllt auch außerhalb dessen, was man mit „Kultur“ bezeichnet, mich in viele Dinge eingemischt, die mich gefordert haben.
 
Schlägt man besser Wurzeln, wenn man Gegenwind bekommt?
Vielleicht ist das so. Ich hatte jedenfalls zum Ökoverein keine Berührungsängste. Die Musik da drinnen hat mich beflügelt. Das hat nicht alle amüsiert. Ursprünglich kam ich von einer Wertekonservativen Position der älteren Generation Pellworms, die aus pragmatischen Gründen nachhaltig gewirtschaftet und auf geschlossene Kreisläufe geachtet hatte. Das deckte sich witzigerweise mit  den Erneuerungswünschen von Ökologisch Wirtschaften. Mit der fixen Idee, sich am Festland zu messen, sich alle Rohstoffe vom Festland zu holen und wieder Rohstoffe ans Festland zu schaffen, hatten sich viele auf der Insel  verrannt. Zum Glück es gab noch lebende Vorfahren für ökologische Tradition, auch wenn die jüngeren nicht auf sie hören wollten.

Sind 20 Jahre Öko-Verein nicht schon Geschichte?
Nein. Geschichte ist doch sich ständig verändernde Wirklichkeit. Die Mitglieder sind noch fast alle da, aber der Verein erscheint heute anders. Es geht nicht mehr darum, dazu zu gehören und sich abzugrenzen, sondern für inhaltlichen Konsens zu werben. Wir kommunizieren anders. Uwe hat das mit dem Energiearbeitskreis vorgemacht. Wir können heute Träume für alle entwickeln, weil wir die Interessen aller anhören und in unsere Überlegungen einbeziehen.
 
Ist das nicht ein neuer Kreis der Eingeweihten?
Nein. Wie im Verein, gibt es beim  Arbeitskreis Energie aktivere und stillere, die sich im Hintergrund halten. Es macht keinen Sinn, die alten Wunden und Fehler, die wir alle gemacht haben, zu beschwören. Jeder Insulaner wünscht sich, dass wir auch in 10 oder 20 Jahren noch hier leben können. Deshalb glaube ich, dass wir vor der nächsten Jahreshauptversammlung aktiv dafür werben sollten, dass mehr Mitglieder und interessierte Leute teilnehmen, um nicht nur zusätzliche Ideen einzubinden, sondern auch ein „Wir-Gefühl“ für die Ziele zu erreichen, die manche von uns vorantreiben.. Sonst werden wir Einzelkämpfer ohne Gemeinschaft.

Worin besteht Dein Projekt auf Pellworm?
Eigentlich ist mein öffentliches und privates Leben paradox. Ich habe zwei Aufgaben, die sich gegenseitig ausschließen. Historiker sagen dazu vita activa und vita contemplativa - das heißt aktives und betrachtendes Leben. Wer als Historiker betrachtet und kommentiert, soll eigentlich andere zur Aktion motivieren.
Hier auf Pellworm wird oft gesagt: man müsste unbedingt mal etwas ändern... Dann frag ich immer zurück: Wer ist dieser "man"? Es gibt nichts Gutes, außer man tut es! Wenn ich hier die Geschichte beschreibe und die Probleme der Gegenwart und dazu meine Kommentare mache, bin ich gleichzeitig gefordert, es selbst zu ändern.

Willst Du das auch?
Ich glaube schon. Aber anders als früher. Mit vierunddreißig hast Du andere Ideen und Energien als mit vierundfünfzig. Die Ziele werden abstrakterer, man wird nachdenklicher und schaut sich etwas mehr um nach dem großen Ganzen. Früher hätte ich gesagt: "Wer sich im Kreis bewegt, kommt nicht voran." Heute werbe ich für Kreisläufe statt für Wachstum. Das "cradle to cradle" Konzept, das wir jetzt verfolgen, schaut sich Stoffkreisläufe an, mit denen Energie und Ressourcenverbrauch systematisch reduziert werden. Auch das menschliche Leben ist so eine Ressource!

Glaubst Du an eine Wiedergeburt des Vereins?

Ist der Verein denn tot, habe ich etwas verpasst? Wenn schon, dann glaube ich an ewiges Leben. Der Verein steht doch für Zukunft, wer kann leben, ohne an Zukunft zu glauben! Mein Leben wäre unnütz, wenn ich nicht Spuren hinterlassen würde. Die nächste Generation kann sie für eine Ansammlung von Dummheiten oder für interessante Ideen halten, aber sie hat etwas zum Nach-Denken. Wir waren eine gefräßige grüne Raupe, die bei vielen auf Skepsis stieß. Jetzt haben wir uns verpuppt: Nach außen scheinbare Bewegungslosigkeit und Stille, im Inneren aber Metamorphose. Irgendwann flattert da ein schöner Schmetterling und keiner erinnert sich dran, dass es mal die gefräßige Raupe gab, die man am liebsten zerquetscht hätte.

 

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