Claus Zetl

Claus ZetlWir haben Politik auf den Markt gebracht

Claus Zetl ist Gründungsmitglied des Öko-Vereins und war von1990 bis 2006 erster Vorsitzender. Er gehört zu den Pionieren des biologischen Anbaus auf Pellworm und vermarktet heute biologische Produkte auf Wochenmärkten am  Festland und auf Pellworm.

Als Du zum Vorsitzenden des Ökovereins gewählt wurdest, warst Du gleichzeitig Vorsitzender der Pellwormer CDU. War das Mut zum Risiko?
Kann man so sagen. Auf unsere Ideen reagierte die etablierte Politik ja ziemlich  allergisch, so nach dem Motto: „die Ökos bestreiten alles, nur nicht ihren eigenen Unterhalt“. Ich wäre das Risiko wohl auch nicht eingegangen, wenn nicht so eine große Gruppe von Pellwormern hinter uns gestanden hätte.

Wir haben auch viel Unterstützung von außerhalb der Insel bekommen, das stärkte den Zusammenhalt. Aber mir ist durch den Doppelvorsitz erst richtig aufgefallen, wie erzkonservativ die Parteipolitik zu der Zeit auf Pellworm war.

 

Ihr seid damals gleichzeitig in die Umstellung eures Betriebes eingestiegen. Noch ein Risiko…

Nein. Das Risiko hätte darin gelegen so weiterzumachen wie bisher. Ich hatte ja den Unfall beim Spritzen. Da wurde mir einiges klar. Silke wolle die Umstellung auch wegen der Kinder, gleichzeitig wollten Hans Momme und andere mit der Chemie aufhören. Es gab keinen besseren Zeitpunkt um den Schritt zu tun.

 

Du hast damals Schweine gemästet. Das macht euer Sohn heute auch. Was ist heute anders? 

Eigentlich sind wir wieder da, wo mein Schwiegervater vor dreißig Jahren aufgehört hat. Unser Sohn Hauke hat 200 Mastplätze für Schweine, er hat Schafe und baut Futtergetreide an. Alles Bio. Eigentlich ziemlich konservativ, wenn ich mir das genau überlege.

 

Du betreibst den Hofladen, den Pellwormer Wochenmarkt, Wochenmärkte am Festland. Bist Du Händler geworden? 

Mir macht das Spaß. Ich verkaufe nicht nur Lebensmittel, die die Leute gerne haben wollen, ich komm auch ins Gespräch und bin auf dem Laufenden, was die Leute denken. Das ist auch ein Produkt des Vereins. Wir haben Politik aus den Amtstuben auf den Markt gebracht. Ich treffe da den Oberarzt des Klinikums Heide, den Penner, der für seinen Köter ne Wurzel haben will und manchmal den Ministerpräsidenten Peter Harry, der glaubt, dass die große Politik allein in Kiel gemacht wird. Wenn man sich Zeit nimmt zum Schnacken und nicht nur verkaufen will, wird einem klar wohin die Reise geht.

 

Wohin geht sie denn? 

Ich glaube die Leute suchen wieder mehr Kontakt. Sie haben die großen Einkaufszentren satt, wollen den Bezug zur Regionen, wissen wo ihre Essen herkommt. Neben mir steht in Heide eine junge Frau aus dem Alten Land, der Glückstädter, der Husumer. Jeder bietet was Besonderes und hat seinen eigenen Schnack dazu.

 

Mit den typisch Pellwormer Produkten sind wir aber nicht weit gekommen… 

Ja, leider. Als ich kürzlich bei der BIOFACH in Nürnberg den Stand von Jogi Jakobi sah mit der Vielfalt von Milchprodukten der Upländer Molkerei, wurde ich wehmütig. Das hätten wir in vielen Bereichen auch haben können. Beim Gemüse, beim Flachs, beim Fleisch und der Milch. Aber es hat nicht sollen sein. Entweder waren wir zu naiv, zu früh, hatten die falschen Leute, was weiß ich. Aber der Weg bleibt richtig. Die Gäste fragen doch nach regionalen, typischen Pellwormer Produkten, nach Pellwormer Schafsmilch, Pullovern, Fellen, Käse von hier. Die wollen nicht die Einheitskost vom Citymarkt.

 

Viele Pellwormer kaufen aber auch gern und billig am Festland ein. 

Ja ja, „Geiz ist geil“. Ich fahr ja ständig hin und her und sehe, was da so herübergeholt wird auf die Insel. Manchen ist die eigene Milch zu teuer, die kaufen sie dann bei Aldi.  Diese Billig-Masche kommt uns unterm Strich teuer zu stehen. Ich glaub aber nicht, dass der Zug abgefahren ist. Die jungen Leute haben unsere Enttäuschungen nicht in den Knochen. Die können da eines Tages selbst drauf kommen, dass sie hier ihre Produkte veredeln und direkt verkaufen müssen, wenn sie auf ihre Kosten kommen wollen.

 

Würdest Du Deinen Kindern raten, auf Pellworm dafür Politik zu machen? 

Anders als wir Politik gemacht haben. Wir haben uns abgestrampelt, und man hat uns zappeln lassen. Wir haben Ideen und Vorschläge produziert, aber die wurden so lange abgewehrt, bis wir müde waren. Heute sagt der Bürgermeister zum Energiekonzept: „Andere reden darüber – wir tun es“. Man kann sich drüber Ärgern, oder man kann sagen: Okay, es hat 20 Jahre gedauert, nun ist es soweit. Politik muss auch anerkennen können, was die andern machen. Was wir für die Insel alles in Gang gesetzt haben, wurde von der Gemeindevertretung nie richtig gewürdigt. Wir haben Pellworm bei vielen Gelegenheiten nach vorne gebracht und würdig vertreten, auf der Expo 2000, der Grünen Woche, der Biofach. Das hat allen Pellwormer genützt.

 

Was war und was ist wichtig für Dich? 

Ich erinnere mich gern an diesen Überraschungs-Geburtstag im Ohnsorg-Theater in Hamburg. Da hattet ihr mich hingelockt und ward dann alle plötzlich da um mit mir zu feiern. Auch wenn sich jetzt weniger im Verein abspielt, die Freundschaften sind geblieben. Vor allem: wir können nicht nur zusammen feiern, wir sind auch da, wenn es trauriger zugeht. Das ist wichtig. Und die Zukunft? Ich denke, wir sollten auf diese gegenseitige Unterstützung aufbauen, innerhalb und außerhalb des Vereins. Und mit den Nachbarn und den Gästen im Gespräch bleiben. Ich spiele jeden Tag Theater, hätte vielleicht auch Lust wieder damit anzufangen, wenn ich mal mit den Märkten aufhöre.

 

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