Mathias Schikotanz

Mathias SchikotanzHarmonie ist nicht alles

Mathias Schikotanz war zunächst Praktikant, dann lange Jahre Geschäftsführer von Ökologisch Wirtschaften!. Er war am ersten Energiekonzept maßgeblich beteiligt, hat Pellworm bei der EXPO 2000 und bei „Regionen Aktiv“ vertreten und ist heute selbständiger Berater für energieeffizientes Bauen.  

 

Eine Praktikantenstelle auf der Insel scheint ein guter Karrierestart zu sein, Steffen Reese und Du, ihr habt beide auf Pellwormer Biohöfen angefangen, dann Geschäftsführer des Vereins, und so weiter…

Das Berufsleben war für mich nicht neu als ich nach Pellworm kam. Vor meinem Ingenieurs-Studium am Fachbereich Architektur, Stadt- und Landschaftsplanung der Gesamthochschule in Kassel hatte ich ja schon viele Jahre selbständig gearbeitet. Als Geschäftsführer des Vereins konnte ich viele verschiedene Ebenen zusammenbringen;

mein Interesse an der Vermarktung von ökologischen Wirtschaftsweisen und Produkten; der Spaß an planerischer Arbeit und die Entwicklung regenerativer Energienprojekte.

 

Du arbeitest heute an Energie sparenden Konzepten im Haus- und Wohnungsbau. Hättest Du Dir so einen Beruf vor zwanzig Jahren vorstellen können?

Das war zwar noch nicht so eindeutig wie heute, aber die Frage, wie wir klüger mit dem umgehen können, was wir an Ressourcen vor Ort zur Verfügung haben, war schon damals aktuell. Heute kann ich mich nicht über mangelnde Aufträge für energieeffiziente Bauvorhaben beklagen. Sowohl auf Pellworm als auch auf dem Festland erfahren ich große Nachfrage und bin gut im Geschäft.

  

War das Wollprojekt mit Hiiumaa auch so eine Geschäftsidee?

Nein, das war eine Partnerschaft. Die Idee war uns  bei der ersten Reise nach Estland gekommen, als wir auf Hiiumaa die Wollmanufaktur gesehen hatten und dann die Zusammenarbeit mit der Familie von Anu Maie entstand. Im Rahmen des Eco-island projekts passte das. Auf Hiiumaa wollten sie gerne „Urlaub auf dem Bauernhof“ als neue Einkommensquelle erschließen.  Kontakte nach Westeuropa waren da wichtig. Hiiumaa war an unserer Wolle interessiert. Bei uns war zu der Zeit der Wollpreis so weit im Keller, dass sich das Scheren kaum noch lohnte. Aber die Frauen in Estland haben sie zu Mützen und Pullovern verarbeitet. Wir haben ihnen erklärt welche Modelle bei uns gut ankommen. Wir haben ihnen den Markt geöffnet. Das war noch lange vor Beitritt Estlands zur EU. Wir nannten das „die „Woll-connection“.

 

Der Verein hat  Hiiumaa auch einen Kredit gegeben. Hat sich das ausgezahlt?

Stimmt, das waren einige tausend D-Mark glaube ich. Die sind zurückgezahlt worden. Und irgendwann war es soweit, das auf Hiiumaa die Sache von alleine lief. Wir haben dann unsere eigene Wollverarbeitung in die Hände genommen. Das war zwar auch nicht einfach, weil Waschen, Kämmen, Stricken zunächst nur auf dem Festland möglich war. Unser Markenzeichen war der „Pellover“, der typische dicke Rollkragenpullover. Unsere Wolle war aber ehrlich gesagt ziemlich kratzig, ein schönes Andenken für die Feriengäste an die Urlaubszeit…Aber wir hätten da weitermachen können. Die Meldorfer Weberei wurde aufgrund fehlender Nachfolger geschlossen und wir hatten damals die Gelegenheit die Maschinen die zum Verkauf standen zu erwerben und nach Pellworm zu holen. Wir hätten uns nur auf gute Wollqualität spezialisieren müssen. Heute wirbt Pellworm mit dem Pelle-Schaf, aber es gibt keine „Pellover“ mehr.

 

Es gab noch andere Projekte, die Pellwormer Produkte herausstellen sollten

Ja, wir haben an eigenen Schlacht- und Verarbeitungsmöglichkeiten gearbeitet, Gemüse, Fleisch, - nicht erst, als wir den Pellwormer Landhandel gründeten. Wir wollten die Supermärkte und Gastwirte dazu bewegen, Pellwormer Produkten den Vorzug zu geben. Das ist in Süddeutschland und Südeuropa gang und gebe. Da müssen die kleinen Betriebe veredeln und selbst vermarkten, sonst überleben die nicht. Hier hat man sich immer mit der Rohstofflieferung begnügt. Ich glaube es liegt auch ein Stück weit an fehlender Wertschätzung der eigenen Produkte, dass wir mit der lokalen und regionalen Vermarktung nicht recht vorangekommen sind. Vielleicht waren wir auch mit unseren Ideen zehn Jahre zu früh. Die lokale und regionale Vermarktung ist jetzt einfacher.

 

Hat der Verein die ländlichen Entwicklungsprogramme nutzen können?

Ich glaube wir haben die Chancen öffentlicher Förderung für unsere Vereinsprojekte oft verpasst, weil wir als Quertreiber wahrgenommen wurden. Der erste von uns erarbeitete LEADER Antrag wurde abgelehnt, weil Gemeinde und Landesregierung zu viel Ökologie darin sahen. Beim Programm „Regionen Aktiv“ war es schlimmer. Da haben wir uns die Wurst vom Brot nehmen lassen. Wir hatten die Kontakte und das Geld so gut wie sicher. Das war für den Amtsvorsteher bedrohlich. Der sagte sich: besser das Geld geht nach Föhr, als dass der Verein hier noch mehr Einfluss gewinnt. Wir haben damals klein bei gegeben. Das letzte Quäntchen Mut, den Konflikt durchzustehen hat gefehlt. Harmonie, die wichtig ist in einer Inselgemeinschaft ist aber auch nicht alles.

 

Hat der Verein sich Deiner Meinung nach zu sehr zurückgezogen?

Der Verein hat die richtigen Fragen gestellt und die Themen gesetzt, andere haben darauf aufgebaut, investiert und Geld gemacht. Irgendwie ist es an der Zeit, danach zu fragen, was die Insel insgesamt davon hat. Unser Verein bewegt die Leute nicht mehr so wie früher. Nebenbei wird mal die Gentechnik-freie Insel ausgerufen, aber ansonsten werden wir doch nicht mehr wahrgenommen. Die Versammlungen sind heute eher wie Klassentreffen. Vielleicht hat die Wahl des Gemeindrates ja auch neue Verhältnisse geschaffen, wodurch sich unsere Rolle ändert. Hoffentlich ist das so. Das neue Energiekonzept und was daraus wird, ist die Nagelprobe.

 

Wo siehst Du Pellworm in der Zukunft?

Ich würde mir wünschen, dass sich die Stimmung vom untergründigen Pessimismus zum Optimismus, positivem Denken und Handeln wandelt. Vom „dat ward ja doch nix“ zum „lot uns mol kieken op dat geiht!“ Mir fällt dabei immer das Bild der Krebse im Eimer ein: wenn einer es fast zum Rand geschafft hat, hängen da drei an ihm dran und ziehen ihn wieder runter. So gern ich auf Pellworm bin, manchmal fehlt mir die saarländisch-französische Lebensart, plaudern, Wein trinken, es sich gut gehen lassen…

 

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