Dr. Christian Runge

Die meisten Pellwormer standen am Zaun.... 

 

 

Dr. Christian Runge hat den Verein Ökologisch Wirtschaften, insbesondere die Landwirte in den Jahren nach der Gründung der Erzeugergemeinschaft tatkräftig unterstützt. Als amtlicher Veterinär im Kreis Nordfriesland war er nicht nur für Tiergesundheit, sondern auch für Hygienefragen bei der Schlachtung und lokalen Verarbeitung von Lebensmitteln zuständig. Heute ist er im Ruhestand, "retired", wie er sagt.

 

Aus zeitlicher und räumlicher Distanz betrachtet: Hat Pellworm seine Chancen genutzt?

 

Im Rahmen der Möglichkeiten schon. Man muss einfach in Rechnung stellen, dass die Inseln es schwerer haben beim Zugang zu den Märkten. Das Projekt Wulksfelde, mit dem der Verein ja zusammenarbeitete, hatte es in der Nähe von Hamburg erheblich einfacher. Denen fielen die Leute ja buchstäblich in die Tür.

Aber ehrlich gesagt, ob Chancen wahrgenommen werden, hängt davon ab, ob sie erkannt und ergriffen werden. Und es muss Leute geben, die sich durchbeißen durch die Anfangsschwierigkeiten. Ich hatte manchmal den Eindruck, die meisten Pellwormer standen am Zaun und guckten übers Heck und warteten ab, ob bei den Klimmzügen des Vereins etwas heraus kam.

 

Die Erzeugergemeinschaft hat ihre Projekte (Schlachthaus, Verarbeitung, Direktvermarktung) nicht verwirklichen können. Ist die EU-Hygieneverordnung schuld?

 

Das glaub ich nicht. Ich glaube es lag an den nicht verfügbaren Mengen und dem nicht verfügbaren Absatz. Die Mengen, die für die gesonderte Verarbeitung und Vermarktung von Pellwormer Bioprodukten zur Verfügung standen reichten einfach nicht, um die Anforderungen des Einzelhandels zu erfüllen. Die wollten auch regelmäßige Lieferfähigkeit. Außerdem ist der Aufwand, um die höhere Qualität zu erreichen bei kleinen Mengen ungleich höher.

 

 

Lokale, regionale, biologische, spezielle Qualitätsprodukte haben überall Konjunktur. Warum nicht in den Gaststätten und Läden auf Pellworm?

 

Auch da ging und es geht ums Geld. Die Gastronomie hat den Citymarkt vorgezogen, dort ist der Einkauf problemloser hinsichtlich der Erzeugnisse, der Mengen, der Qualitäten und der Preise. Das bringt eine bessere Gewinnspanne. Die Gastwirte haben immer behauptet, sie könnten die Gestehungskosten für Bioprodukte an ihre Kunden nicht weiterreichen. Aber das ist eine Frage, ob man es überhaupt will. Es gibt ja genügend Beispiele wo es klappt, in Stellshagen in Mecklenburg zum Beispiel, da hat sich gegen alle Widerstände eine Heilpraktikerin aus Hamburg den Hof ihrer Grosseltern zurückgeholt und dann systematisch ihre Kundschaft aus Hamburg mitgeschnackt. Man muss eben an die bessere Qualität glauben und sie erlebbar machen, dann zahlen die Kunden auch einen fairen Preis.

 

Warum geht der Mehrwert weg aus der Region? Ein Beispiel: Die Pellwormer Deichschafe  werden in Frankreich für gutes Geld als Salzwiesenschafe verkauft..

 

Na, so richtig Salzwiesenschafe sind das ja nicht. Aber es stimmt. Die beste Qualität geht nach Frankreich. Da wird im Gegensatz zu Deutschland auf gute Ernährung und Lebensqualität Wert gelegt. Die Leute bezahlen mehr für gutes Essen. Aber nehmen wir das Beispiel Kinski. Er war früher Ladenschlachter, der mit Unterstützung der Jungen weiter expandierte und auch die Gastronomie, sogar bis nach Sylt beliefert. Die haben gemeinsam auf Qualität gesetzt und auf die Menge. Und wie man sieht haben sie sich durchgebissen.

 

Es gibt Leute die meinen, mit der Landwirtschaft sei nicht mehr viel zu holen. Pellworm könnte sein Geld auch mit Sonne und Wind verdienen. Ist die Landwirtschaft auf Pellworm, insbesondere die Tierhaltung am Ende?

 

Ich sehe die Entwicklung insbesondere im Hinblick auf die Biogasanlagen sehr kritisch. Schleswig Holstein bewegt sich auf eine Energiepflanzen- Monokultur zu. Die Anlagen schießen wie Pilze aus dem Boden, weil sie über die Maßen gefördert werden. Der Hunger nach Flächen ist riesengroß. Da können Milchbauern beim besten Willen nicht gegenan melken. Ich glaube, da muss dringend die Förderpolitik korrigiert werden. Sonst wird auch auf Pellworm das Grünland ganz verschwinden und damit auch eine vernünftige Milchwirtschaft.

 

Der Verein hatte in den 90ger Jahren intensive Beziehungen zu Hiiumaa in Estland. Sie fahren dort auch gern hin. Können wir von den Esten etwas lernen?

 

Ich glaube es gibt da einen grundsätzlichen Unterschied: die Esten haben sich mit der Unabhängigkeit zum zweiten Mal in ihrem Leben freigemacht von Unterdrückung. Da ist ein ganz anderer Drive drin als bei uns. Hier wird schnell mal gejammert über dies und das. Den Esten haben die russischen Besatzer die Elite systematisch ausradiert und alles vorgeschrieben, was sie zu machen und zu lassen hatten. Wer sich davon frei macht, weiß die Freiheit zu schätzen. Wir erleben in unserer Region ein resigniertes Zurückziehen. Die Beweglichen gehen. Das gibt insgesamt eine andere Stimmung. Früher wurde gesagt, da müssen mal frische Gene rein, vielleicht geht es auch mit frischen Ideen..